Kabinettstück im April

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(Foto: Dirk Tacke)

Jacke, Osmanisches Reich, zweite Hälfte 19. Jahrhundert, Tuch, Posamenten

Das Kabinettstück im März war eine taubenblaue Jacke aus Oberbayern um 1830.

Dieses tomatenrote Objekt stammt aus dem Osmanischen Reich. Beide Rückansichten ziert im Nacken und Taillenbereich eine fast identische Verzierung mit wunderbaren Posamenten. Dahinter steht ein kultureller Brückenschlag der Mode aus Orient und Okzident: Die kunstvoll ausgeschmückten Gewänder der osmanisch geprägten Moden in Osteuropa, die sich unter anderem in der Uniformmode niederschlugen, faszinierten seit Jahrhunderten auch die Menschen im deutschsprachigen Kulturkreis. So nimmt es kein Wunder, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die exotisch anmutenden Dolmane von Adel, Militär und  Bürgertum in Deutschlands kopiert wurden.

Dass türkische Gewänder über den Balkan, Ungarn und den slawischen Raum schlussendlich bayerische Trachten inspirieren, ist eine bemerkenswerte Tatsache. Vielleicht ist ja die unschuldige Freude an zunächst fremden Farben und Formen ein Wesensmerkmal der Tracht …

Kabinettstück im März

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(Foto: Dirk Tacke)

Jacke, Oberbayern, um 1830, Tuch, Posamenten

Männerjacken, die vorne und hinten  mit verschlungenen Posamenten verziert sind, finden sich im ländlichen Oberbayern relativ häufig. Sie wurden „Schaike“ oder „Husarenjacke“ genannt und waren zwischen 1830 und 1890 sehr beliebt. Diese taubenblaue Joppe stammt aus dem Rupertiwinkel und wurde einst von einem Müller getragen. Typisch für die biedermeierliche Mode sind der hohe Kragen, die geschwungenen Nahtlinien und die leicht gereihten Ärmel.

Die Auflösung, wie bayerische Bauern und Handwerker zu den phantasievollen Mustern auf ihren Jacken kamen, zeigt sich am ersten April, wenn das nächste Kabinettstück erscheint.

Kabinettstück im Februar

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(Foto: A. Karl-Holeczek)
Ein Paar Strumpfbänder, datiert 1828, Seidenband, eingewebte Gummischnüre, Spitze, goldene Schließen, Türkise (Sammlung TIZ)

Gravur auf den Schließen:

Mon esperance est áu delá - Joindre ou mourir 1828
(Mein Hoffen ist jenseitig - Verbunden sein oder sterben 1828)

Die beiden Strumpfbänder aus dem Jahr 1828 gehören sicher zu den intimsten und feinsten Kabinettstücken unserer Sammlung im Trachten-Informationszentrum. Sie sind ein kostbares Liebespräsent mit Worten so voller Poesie, daß unsere Phantasie noch 191 Jahre später beim Sinnen über diese Zeilen blühen kann…

Kabinettstück im Januar

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Florschließe, Dachauer Land, um 1870, teilvergoldetes Silberfiligran, Glassteine, Posamenten, Flor (Sammlung TIZ)

Prachtentfaltung bei und auf dem Hof - Könige und Bauern liebten gleichermaßen überbordenden, prunkvollen und vor Bedeutsamkeit strotzenden Schmuck. Es galt seinen Reichtum zu zeigen und öffentlichkeitswirksam der neuesten Mode zu folgen. Gold und Edelsteine konnten sich zwar selbst reiche bäuerliche Menschen in der Regel nicht leisten, Silber und Glassteine dafür sehr wohl.

Paradestücke des opulenten bäuerlichen Halsschmucks sind die Florschließen, die bis etwa 1890 zur sogenannten Dachauer Tracht  gehörten. Eigentlich waren sie an einem schwarzen Florband angenäht, das doppelt um den Hals geschlungen und vorne mit der zweiteiligen Schließe verbunden wurde. Teilweise waren sie aber so groß, daß sie links und rechts offen herabhingen, weil sie zwischen Halsgrube und Kinn nicht genug Platz hatten. Die modischen Vorbilder der Schließen finden sich bereits Mitte des 18. Jahrhunderts in der bürgerlichen Mode. Hergestellt wurden die Schließen vor allem in Schwäbisch Gmünd, einem Zentrum für Schmuck und religiösen Zierrat aus Silberfiligran.

Kabinettstück im Dezember

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Fatschenkind, Weihegabe als Opfer oder Dank für einen (un)erfüllten Kinderwunsch, 18. Jahrhundert, Wachs (Sammlung TIZ)

 

„…und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe…“ (Lukas 2,7)

Im Lukasevangelium wird die erste textile Bekleidung eines Neugeborenen vor über 2000 Jahren beschrieben. Sie besteht aus Tüchern und einem Band, der sogenannten Fatsche. Die vielen Jesukindlein, die in der Weihnachtszeit und speziell am Heiligen Abend ausgestellt werden, tragen so gesehen eine traditionelle Babytracht. Der Brauch, neugeborene Kinder ein halbes bis ganzes Jahr mit angelegten Ärmchen fest einzubinden, ist seit der Antike belegt und allen semitischen Kulturen zu eigen. Jean-Jaques Rosseau betont bereits 1762 in seinem Emile, wie wichtig es für die Kinder sei, daß sie ihre Glieder frei bewegen könnten. Doch bis Anfang des 20. Jahrhunderts beharren auch in Oberbayern viele Mütter auf dem tradierten Einfatschen. Als Grund für diese Sitte wird oft angegeben, daß die Glieder und Knochen durch den stützenden Halt gerade wachsen würden. Wir wissen heute darum, wie wenig plausibel diese Erklärung ist.  Vielmehr können psychologische Deutungen einen Hinweis liefern: Kleinstkinder werden bis weit in das 19. Jahrhundert nicht als gänzlich menschliche Wesen betrachtet. Bandagiert wie eine Mumie verbleiben die Neuankömmlinge gleichsam noch in einem vorgeburtlichen Zustand und durchlaufen ein Übergangsritual. Was uns heute so fremd erscheint, findet sich anschaulich noch zur Weihnachtszeit als gewickeltes Jesuskind in der Krippe oder eben als Fatschenkindl.

 

Kabinettstück im November

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„Einwohnerwehr-Lied“, Liedblatt im Verlag der Einwohnerwehr Chiemgau, 1920 (Sammlung TIZ)

Eine wirklich handfeste Verbindung von Gebirgstracht und Deutschtümelei manifestiert sich vor der Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten: Im Mai 1919 beschloss die Regierung des Freistaates Bayern die landesweite Organisation von Einwohnerwehren, die sich unter anderem aus den ehemaligen paramilitärischen Freicorps rekrutierten. Sie präsentieren sich auf allen historischen Fotografien mehrheitlich in Gebirgstracht. Die Einwohnerwehr Chiemgau verlegte 1920 ein Einwohnerwehr-Lied, dessen Text revanchistischer nicht sein könnte. Den Umschlag des Liedblattes mit Klavier und Singstimme ziert ein stämmiger Bursche in Gebirgstracht, den Hintergrund geben Bauersleute auf ihrer frisch umgebrochenen Ackerscholle. Gestützt auf das Mauser-Gewehr Modell 98 trotzt er kühnen Blicks den Gefahren undeutscher Machenschaften.

Hinter der Maske von Patriotismus und Traditionsliebe ist die ideologische oder politische Vereinnahmung von Tracht oft erst auf den zweiten Blick zu erkennen. So zeigt auch der Text im Liedblatt unmißverständlich, daß die Tracht auf dem Deckblatt manches Mal nur den schönen Schein wahrt:

„Warum heiß ich deutsch, ist so kriegerisch mein Sinn, … weil treu ich vollführt, was Notwehr gegen Feindeslist hat diktiert …“ „er betet zu Gott … und wirket und werkt sich sein neues Kleid …“

Der Existenz der Einwohnerwehren war im Übrigen nur eine kurze Dauer beschert, denn schon im Juni 1921 wurden sie wieder aufgelöst.

 

Kabinettstück im Oktober

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Lithographie, um 1825, altkoloriert

„Kirchweih-Tanz in der Umgegend von Tegernsee“

Aus der Sammlung Bayerischer National-Costüme von Felix Joseph von Lipowsky

erschienen „Bey I.M. Hermann in München“

(Sammlung TIZ)

Die drei Musikanten spielen in einer Besetzung mit zwei Clarinetten aus Bux- oder Birnbaumholz und einer Geige. Die Figuren deuten auf einen Landlertanz mit typischen Elementen des Schuhplattlers hin. Dazu gehören das Schlagen auf die Oberschenkel, das Fingerschnalzen, das Wegdrehen von der Tänzerin und das Drehen des Dirndls um die eigene Achse.

Die Musikanten tragen bürgerliche Kleidung. Während der Geiger noch die einreihige, lang geschnittene Weste des ausgehenden 18. Jahrhunderts trägt, zeigt sich einer der Bläser mit einer modischen Neuheit des Biedermeier – der Schirmmütze.

Die Mieder der Tänzerinnen sind hoch tailliert, ihre Kleidung besteht aus: Hemd, Mieder, Miederärmel, Rock, Schürze (Fürtuch), Halstuch und dem Hut. Der Hutschmuck besteht aus Seidenbändern mit Schnallen, Goldschnüren mit Quasten und Blumen.

Die Kellnerin trägt dagegen die sogenannte Pech- oder Schwazerhaube, eine typische Kopfbedeckung in der Gegend von Tölz und Miesbach. Am Gürtel die Kellnerinnentasche serviert Sie das dunkle Bier in irdenen Krügen mit Zinndeckeln. Gegessen wird – wie neben dem sitzenden Pärchen zu erkennen - Brot, bzw. Semmeln.

Die Tänzer haben ein gemeinsames Accessoire: Breite Ledergürtel mit Schnalle, die mit gespaltenen Pfauenfederkielen ausgestickt sind. Neben den Männern in kurzen Lederhosen ist ein Tänzer in langen Lederhosen mit Stiefeln abgebildet. Westen und Halsflor tragen alle, die Stopselhüte sind mit Blumen und Birkhahnfedern geschmückt.

Ein Zuschauer, der am Rand des Tanzbodens steht, ist in seiner roten Weste mit bortenbesetztem Halsauschnitt, der einfachen Joppe und dem flachen Hut auffällig anders gekleidet. Er stammt aus Tirol und gehört wohl zu den vielen Holzknechten, die in Bayern um 1830 gearbeitet haben.

Kabinettstück im September

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Joseph Futterer, 1871-1930, Postkarte (Sammlung TIZ)

„A Lederhos´n, a rots Schilä, de Zwanzgal in da Reih, an Hiatling in da Seitntaschn, an Haslstock dabei …“ (Eine Lederhose, eine rote Weste, die Talerknöpfe in einer Reihe, das Messer in der Seitentasche, einen Haselnußstock dabei …)

Schon in den ersten Zeilen dieses alten Couplets, das der Autor dieser Zeilen von Kindesbeinen an kennt, wird das Klischee des groben, protzigen und in Tracht gekleideten Bauern besungen. Dem Stereotyp des alpinen Helden in der kurzen Lederhose steht hier ein nicht minder zementiertes Bild gegenüber: Es ist das Zerrbild des so bauernschlauen wie saugroben Unterlandlers  in Stiefeln und langer Lederhose. Die Fliegenden Blätter, die Bilder und Texte des bitterbösen Simplizissimus und nicht zuletzt die Geschichten eines gewissen Ludwig Thoma festigten und ruinierten das Bild des Landbewohners in Tracht nachhaltig. Der beißende Spott um und nach 1900 sorgte im Nachhinein nolens volens dafür, dass wir uns heute mit einem Bayernbild herumschlagen dürfen, das zwar fleißig bedient wird, aber nie allgemein war. Diese Karikatur wurde von Joseph Futterer, der unter anderem für den Simplicissimus arbeitete, zeichnerisch auf die Spitze getrieben; zu den Lederhosen, der roten Weste und dem Stock gesellen sich eine überdimensionale Uhrkette und ein kleiner Hut mit Pfauenfeder auf der Zipfelmütze. Die qualmende Virginia, die der „rotbackade Bauernbua“ (rotbackiger Bauernbub) raucht, gibt der Illustration noch den nötigen Biss.

Sollten derzeit auf dem Münchner Oktoberfest in so manchen Bierhallen ähnliche Typen zu entdecken sein, dann wundern Sie sich nicht – Klischees möchten halt gepflegt werden …

 

Kabinettstück im August

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Gärtnerei, wohl Tölz, um 1910

Die Belegschaft einer Gärtnerei ließ sich im Hochsommer um 1910 stolz vor Hortensien und Spalierbäumen fotografieren. Ob es sich dabei um einen festlichen Anlass handelte oder der geschulterte Spaten nur für das Foto mit Buchsbaumzweigen dekoriert wurde, ist nicht bekannt. Westen, Arbeitsschürzen (Schaber) und Kopfbedeckungen sind der Gruppe gemeinsam. Nur die Mädchen in Kleidern und der Bub im Kittel machen eine Ausnahme von dem gärtnerischen Dresscode.

Die Arbeit als Gärtner war hart und forderte viel Ausdauer. Das gesamte Gießwasser musste jeden Tag mit Gießkannen verteilt werden und die Arbeitsgänge wurden überwiegend in gebückter Haltung ausgeführt. Statt Maschinenhilfe war reine Handarbeit gefordert. Wer schon einmal einen ganzen Tag unter der heißen Sonne im Blumen- oder Gemüsegarten gewerkelt hat, weiß das. Was uns heute als liebenswertes Hobby gilt, ist um 1910 Broterwerb und reine Notwendigkeit.

Kabinettstück im Juli

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Fatsche, Detail, um 1810;

Leder, Pfauenfederkiel, Kupferlahn um textile Seele, Leinenfaden (TIZ)

 

Das Besondere an vielen bayerischen Gürteln aus der Zeit zwischen 1800 und 1840 sind die narrativen Bilder. Die kunstvoll gestickten Geschichten zeigen typische Szenen aus dem Berufsalltag oder Begebenheiten aus dem gesellschaftlichen Leben.  Das Detail der phantasievollen Abbildung eines Kegelscheibens auf einem prächtigen Gürtel aus unserer Sammlung ist einzigartig.  Einer der gegürteten Männer holt gerade mit der Kugel aus, einer feuert ihn an und ein dritter lässt sich den Krug reichen. Am Hauseck der Gastwirtschaft hängt ein sogenannter Buschen, das Zeichen für den Wein- oder Bierausschank. Ob es sich bei dem Baum mit Fahne neben dem Biertrinker um einen Maibaum handelt, wissen Wir nicht; einen festlichen Anlass kennzeichnet er allemal.

Wer sich mehr für die einzigartige Sammlung von Männer- und Frauengürteln im Trachten-Informationszentrum interessiert, erfährt viel Wissenswertes in dem hervorragend bebilderten „Buch der Gürtel“, das im www.trachtenkontor.de bestellt werden kann.

 

 

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