Kabinettstück im Dezember

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Fatschenkind, Weihegabe als Opfer oder Dank für einen (un)erfüllten Kinderwunsch, 18. Jahrhundert, Wachs (Sammlung TIZ)

 

„…und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe…“ (Lukas 2,7)

Im Lukasevangelium wird die erste textile Bekleidung eines Neugeborenen vor über 2000 Jahren beschrieben. Sie besteht aus Tüchern und einem Band, der sogenannten Fatsche. Die vielen Jesukindlein, die in der Weihnachtszeit und speziell am Heiligen Abend ausgestellt werden, tragen so gesehen eine traditionelle Babytracht. Der Brauch, neugeborene Kinder ein halbes bis ganzes Jahr mit angelegten Ärmchen fest einzubinden, ist seit der Antike belegt und allen semitischen Kulturen zu eigen. Jean-Jaques Rosseau betont bereits 1762 in seinem Emile, wie wichtig es für die Kinder sei, daß sie ihre Glieder frei bewegen könnten. Doch bis Anfang des 20. Jahrhunderts beharren auch in Oberbayern viele Mütter auf dem tradierten Einfatschen. Als Grund für diese Sitte wird oft angegeben, daß die Glieder und Knochen durch den stützenden Halt gerade wachsen würden. Wir wissen heute darum, wie wenig plausibel diese Erklärung ist.  Vielmehr können psychologische Deutungen einen Hinweis liefern: Kleinstkinder werden bis weit in das 19. Jahrhundert nicht als gänzlich menschliche Wesen betrachtet. Bandagiert wie eine Mumie verbleiben die Neuankömmlinge gleichsam noch in einem vorgeburtlichen Zustand und durchlaufen ein Übergangsritual. Was uns heute so fremd erscheint, findet sich anschaulich noch zur Weihnachtszeit als gewickeltes Jesuskind in der Krippe oder eben als Fatschenkindl.

 

Kabinettstück im November

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„Einwohnerwehr-Lied“, Liedblatt im Verlag der Einwohnerwehr Chiemgau, 1920 (Sammlung TIZ)

Eine wirklich handfeste Verbindung von Gebirgstracht und Deutschtümelei manifestiert sich vor der Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten: Im Mai 1919 beschloss die Regierung des Freistaates Bayern die landesweite Organisation von Einwohnerwehren, die sich unter anderem aus den ehemaligen paramilitärischen Freicorps rekrutierten. Sie präsentieren sich auf allen historischen Fotografien mehrheitlich in Gebirgstracht. Die Einwohnerwehr Chiemgau verlegte 1920 ein Einwohnerwehr-Lied, dessen Text revanchistischer nicht sein könnte. Den Umschlag des Liedblattes mit Klavier und Singstimme ziert ein stämmiger Bursche in Gebirgstracht, den Hintergrund geben Bauersleute auf ihrer frisch umgebrochenen Ackerscholle. Gestützt auf das Mauser-Gewehr Modell 98 trotzt er kühnen Blicks den Gefahren undeutscher Machenschaften.

Hinter der Maske von Patriotismus und Traditionsliebe ist die ideologische oder politische Vereinnahmung von Tracht oft erst auf den zweiten Blick zu erkennen. So zeigt auch der Text im Liedblatt unmißverständlich, daß die Tracht auf dem Deckblatt manches Mal nur den schönen Schein wahrt:

„Warum heiß ich deutsch, ist so kriegerisch mein Sinn, … weil treu ich vollführt, was Notwehr gegen Feindeslist hat diktiert …“ „er betet zu Gott … und wirket und werkt sich sein neues Kleid …“

Der Existenz der Einwohnerwehren war im Übrigen nur eine kurze Dauer beschert, denn schon im Juni 1921 wurden sie wieder aufgelöst.

 

Kabinettstück im Oktober

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Lithographie, um 1825, altkoloriert

„Kirchweih-Tanz in der Umgegend von Tegernsee“

Aus der Sammlung Bayerischer National-Costüme von Felix Joseph von Lipowsky

erschienen „Bey I.M. Hermann in München“

(Sammlung TIZ)

Die drei Musikanten spielen in einer Besetzung mit zwei Clarinetten aus Bux- oder Birnbaumholz und einer Geige. Die Figuren deuten auf einen Landlertanz mit typischen Elementen des Schuhplattlers hin. Dazu gehören das Schlagen auf die Oberschenkel, das Fingerschnalzen, das Wegdrehen von der Tänzerin und das Drehen des Dirndls um die eigene Achse.

Die Musikanten tragen bürgerliche Kleidung. Während der Geiger noch die einreihige, lang geschnittene Weste des ausgehenden 18. Jahrhunderts trägt, zeigt sich einer der Bläser mit einer modischen Neuheit des Biedermeier – der Schirmmütze.

Die Mieder der Tänzerinnen sind hoch tailliert, ihre Kleidung besteht aus: Hemd, Mieder, Miederärmel, Rock, Schürze (Fürtuch), Halstuch und dem Hut. Der Hutschmuck besteht aus Seidenbändern mit Schnallen, Goldschnüren mit Quasten und Blumen.

Die Kellnerin trägt dagegen die sogenannte Pech- oder Schwazerhaube, eine typische Kopfbedeckung in der Gegend von Tölz und Miesbach. Am Gürtel die Kellnerinnentasche serviert Sie das dunkle Bier in irdenen Krügen mit Zinndeckeln. Gegessen wird – wie neben dem sitzenden Pärchen zu erkennen - Brot, bzw. Semmeln.

Die Tänzer haben ein gemeinsames Accessoire: Breite Ledergürtel mit Schnalle, die mit gespaltenen Pfauenfederkielen ausgestickt sind. Neben den Männern in kurzen Lederhosen ist ein Tänzer in langen Lederhosen mit Stiefeln abgebildet. Westen und Halsflor tragen alle, die Stopselhüte sind mit Blumen und Birkhahnfedern geschmückt.

Ein Zuschauer, der am Rand des Tanzbodens steht, ist in seiner roten Weste mit bortenbesetztem Halsauschnitt, der einfachen Joppe und dem flachen Hut auffällig anders gekleidet. Er stammt aus Tirol und gehört wohl zu den vielen Holzknechten, die in Bayern um 1830 gearbeitet haben.

Kabinettstück im September

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Joseph Futterer, 1871-1930, Postkarte (Sammlung TIZ)

„A Lederhos´n, a rots Schilä, de Zwanzgal in da Reih, an Hiatling in da Seitntaschn, an Haslstock dabei …“ (Eine Lederhose, eine rote Weste, die Talerknöpfe in einer Reihe, das Messer in der Seitentasche, einen Haselnußstock dabei …)

Schon in den ersten Zeilen dieses alten Couplets, das der Autor dieser Zeilen von Kindesbeinen an kennt, wird das Klischee des groben, protzigen und in Tracht gekleideten Bauern besungen. Dem Stereotyp des alpinen Helden in der kurzen Lederhose steht hier ein nicht minder zementiertes Bild gegenüber: Es ist das Zerrbild des so bauernschlauen wie saugroben Unterlandlers  in Stiefeln und langer Lederhose. Die Fliegenden Blätter, die Bilder und Texte des bitterbösen Simplizissimus und nicht zuletzt die Geschichten eines gewissen Ludwig Thoma festigten und ruinierten das Bild des Landbewohners in Tracht nachhaltig. Der beißende Spott um und nach 1900 sorgte im Nachhinein nolens volens dafür, dass wir uns heute mit einem Bayernbild herumschlagen dürfen, das zwar fleißig bedient wird, aber nie allgemein war. Diese Karikatur wurde von Joseph Futterer, der unter anderem für den Simplicissimus arbeitete, zeichnerisch auf die Spitze getrieben; zu den Lederhosen, der roten Weste und dem Stock gesellen sich eine überdimensionale Uhrkette und ein kleiner Hut mit Pfauenfeder auf der Zipfelmütze. Die qualmende Virginia, die der „rotbackade Bauernbua“ (rotbackiger Bauernbub) raucht, gibt der Illustration noch den nötigen Biss.

Sollten derzeit auf dem Münchner Oktoberfest in so manchen Bierhallen ähnliche Typen zu entdecken sein, dann wundern Sie sich nicht – Klischees möchten halt gepflegt werden …

 

Kabinettstück im August

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Gärtnerei, wohl Tölz, um 1910

Die Belegschaft einer Gärtnerei ließ sich im Hochsommer um 1910 stolz vor Hortensien und Spalierbäumen fotografieren. Ob es sich dabei um einen festlichen Anlass handelte oder der geschulterte Spaten nur für das Foto mit Buchsbaumzweigen dekoriert wurde, ist nicht bekannt. Westen, Arbeitsschürzen (Schaber) und Kopfbedeckungen sind der Gruppe gemeinsam. Nur die Mädchen in Kleidern und der Bub im Kittel machen eine Ausnahme von dem gärtnerischen Dresscode.

Die Arbeit als Gärtner war hart und forderte viel Ausdauer. Das gesamte Gießwasser musste jeden Tag mit Gießkannen verteilt werden und die Arbeitsgänge wurden überwiegend in gebückter Haltung ausgeführt. Statt Maschinenhilfe war reine Handarbeit gefordert. Wer schon einmal einen ganzen Tag unter der heißen Sonne im Blumen- oder Gemüsegarten gewerkelt hat, weiß das. Was uns heute als liebenswertes Hobby gilt, ist um 1910 Broterwerb und reine Notwendigkeit.

Kabinettstück im Juli

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Fatsche, Detail, um 1810;

Leder, Pfauenfederkiel, Kupferlahn um textile Seele, Leinenfaden (TIZ)

 

Das Besondere an vielen bayerischen Gürteln aus der Zeit zwischen 1800 und 1840 sind die narrativen Bilder. Die kunstvoll gestickten Geschichten zeigen typische Szenen aus dem Berufsalltag oder Begebenheiten aus dem gesellschaftlichen Leben.  Das Detail der phantasievollen Abbildung eines Kegelscheibens auf einem prächtigen Gürtel aus unserer Sammlung ist einzigartig.  Einer der gegürteten Männer holt gerade mit der Kugel aus, einer feuert ihn an und ein dritter lässt sich den Krug reichen. Am Hauseck der Gastwirtschaft hängt ein sogenannter Buschen, das Zeichen für den Wein- oder Bierausschank. Ob es sich bei dem Baum mit Fahne neben dem Biertrinker um einen Maibaum handelt, wissen Wir nicht; einen festlichen Anlass kennzeichnet er allemal.

Wer sich mehr für die einzigartige Sammlung von Männer- und Frauengürteln im Trachten-Informationszentrum interessiert, erfährt viel Wissenswertes in dem hervorragend bebilderten „Buch der Gürtel“, das im www.trachtenkontor.de bestellt werden kann.

 

 

Kabinettstück im Juni

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Kasettl,  Schlehdorf, um 1860, Seide

Das Kasettl zählt zu den Schoßjacken und hat sein Vorbild in der Empiremode der Zeit um 1810. Je nach Region wird das Kasettl auch Schalk, Garnierspenzer, Röcke oder Spenzer genannt.  Die vielen Begriffe verwirren zunächst, aber charakteristisch für alle Schoßjacken in ihren vielen Varianten sind folgende Merkmale: die hohe Taille, die rund um den Halsausschnitt laufende Garnier und das angesetzte Schößchen, das sich im Rücken mittig zu einer Rüsche erweitert. Je nach Zeit und Ort sind die Stoffe, die Rüschentechnik oder die Ärmelformen über 200 Jahre dem Zeitgeschmack angepasst worden.

 

Unser Kabinettstück zeichnet sich durch einen gestreiften Seidendamast aus, dessen weiße Webkante geschickt in der Rüschentechnik Garnier mit der schwarzen Seide kontrastiert. Um 1860 ist die überwiegende Zahl der Schoßjacken noch aus farbigen Stoffen genäht und schwarze Seiden überwiegen erst ab etwa 1900. Ob es sich hier um einen mutigen modischen Vorgriff oder eine extra angefertigte Trauerkleidung handelt, wissen wir nicht.

Kabinettstück im Mai

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Krone, Oberbayern, erste Hälfte 19. Jahrhundert, rot gefütterter Holzreif, Glassteine, Gold- und Silberlahn, Boulliondraht, Pailletten (Sammlung TIZ)

Kronen gehören zu den Accessoires, die einen hohen Symbolgehalt besitzen. Kaiser und Könige tragen sie als goldenen Reif mit Edelsteinen besetzt, Christus wurde mit Dornen gekrönt. Auch die Jungfrau Maria ist als Himmelskönigin in der kirchlichen Ikonographie eine feste Größe. Die Marienkrone ist ein entscheidender Hinweis auf die Bedeutung der Jungfrauen-und Hochzeitskronen, die es bis heute gibt. In der kirchlichen Moralvorstellung galt eine Frau über Jahrhunderte dann als rein und einer Krone wert, wenn sie jungfräulich war oder blieb. Deswegen ist der Hochzeitstag auch der letzte Termin, an dem sie eine Krone tragen durfte. War vorher schon ein Kind geboren, wurde ihr diese Ehre verweigert. So rigide und teils unverständlich uns das heute erscheint, so fest war diese Vorstellung bis ins 20. Jahrhundert hinein zementiert. Überkommen sind die prächtigen Braut- und Jungfrauenkronen, weil sie in den Familien als kostbar angesehen und aufbewahrt wurden. Die Materialien der sogenannten Kranl sind entsprechend wertvoll. Gold- und Silberdrähte, Seide, Glassteine als Edelsteinersatz, echte und künstliche Perlen und kleine Spiegel sollten möglichst prunkvoll und auffällig wirken.

Kabinettstück im April

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Bierfilzl,: „…trinkt kein Wasser!“, 2002

Kurze Lederhosen sind seit über zweihundert Jahren im Alpenraum omnipräsent. Ob als klassisch-klischeehaftes Kleidungsstück der Jäger, Holzknechte und Wilderer, als Merkmal vieler Trachtenvereine oder als weltweit bekanntes Symbol für oberbayerische Männertracht. Wenige Hosen haben es allerdings geschafft auch in der Karikatur anhaltend Beachtung zu finden. Daß der Humor und die Trachtenmode ein gutes Paar abgegeben, zeigt die Werbung einer Brauerei aus dem Chiemgau, die Eingang in unser Archiv gefunden hat. Bierfilzl eignen sich übrigens – wie man sieht – in Zweitverwendung auch als Merkzettel…

Kabinettstück im März

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Erste hl. Kommunion, Photographie von Franz Sixt, Tölz, um 1900

Ein Geschwisterpaar am Tag der ersten hl. Kommunion - vielleicht sind es Zwillinge, sie wirken jedenfalls wie ein Paar. Die Assoziation zu einem Brautpaar verwundert nicht: das Mädchen trägt ein Brautkleid, der Bub einen Anzug als wäre er ein Hochzeiter. Die Kindergesichter wirken ernst, dem Anlass entsprechend und doch stehen da zwei zarte Kinder, die zwar tapfer ihre Kerzen in der Hand halten, aber irgendwie verloren wirken. Dahinter stehen Befindlichkeiten, die uns heute fremd erscheinen mögen und tatsächlich vor über hundert Jahren selbstverständlich waren: Kinder galten als „kleine Erwachsene“ und wurden auch so gekleidet. Das „Kind sein dürfen“, wie Wir es heute kennen, war weithin unbekannt und in erster Linie standen die Pflichten und nicht die Rechte junger heranwachsender Menschen. Das weiße Kleid und die Krone des Mädchens verweisen im Kontext kirchlicher Normen auf ihre Rolle als reine Braut Christi, die sie bis zu ihrer Hochzeit zu spielen hatte. Der dunkle Anzug samt Uhrkette zeigt ein Kind im Gewand eines erwachsenen Mannes.

Die 40.000 historischen Photographien, die im Trachten-Informationszentrum aufbewahrt sind, bergen einen unendlich großen Schatz an Informationen. Die Bilder zu lesen, zu verstehen und zu vermitteln ist eine der Aufgaben, denen Wir uns widmen. Sollten Sie Bilder besitzen, die Menschen in ihrem Gewand zeigen, kontaktieren Sie uns bitte. Ob Sie noch etwas zu den alten Bildern wissen oder nicht, ist zunächst nicht wichtig.  Lassen Sie uns einfach teilhaben an der abgelichteten Geschichte unserer Vorfahren.

 

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